Montag, 8. Dezember 2008

Backwaters

Langsam schieben sich die Bote durch den schmalen Kanal des Fluss und Seendeltas, mal versetzt, mal hintereinander aufgereiht. Sie sind aus Holz, spitz zulaufend, in der Mitte lediglich zwei Meter breit. Das Bambusdach, das wie ein übergroßer Rattankorb anmutet ist mit Tauen aus Kokusnussfasern zusammengehalten.
Unmerklich gleitend, von zwei Männern mit langen Bambusstangen gesteuert bricht das Boot den glatten Spiegel der Oberfläche des flachen Gewässers.
Es ist ganz still, die Vögel haben ihr Morgenkonzert bereits beendet. Hörbar ist einzig das dumpfe Geräusch der unter Wasser aufgewirbelten Gischt, wenn der Stab in das Wasser eintaucht und das der Wassertropfen, die vom im weiten Bogen, einem Ruder gleich, zurückgezogenen Stab abperlen und auf die Wasseroberfläche auftreffen.
Die kühle Luftschicht, die sich zur Nacht über dem Wasser gebildet hat, ist noch spürbar, denn es ist noch früher Vormittag.
Das Wasser wird von einem über und über grünen Palmendickicht umsäumt.
Ich mache es mir in einem der vorderen Rattansessel, meine Dupatta im Nacken zusammgerollt, bequem. Meine Füße habe ich in das lauwarme Wasser getaucht, ich spüre es kaum. Es ist so still und friedlich, dass ich von Zeit zu Zeit in einen traumlosen Kurzschlaf sinke. Mit trockenem Mund wache ich wieder auf und es scheint binnen kurzer Zeit Mittag geworden zu sein.
Um mich herum Palmen, Mangroven, wilde Ananas, rot blühender Oleander, Kakao-, Muskat- und Mangobäume. Und Wasserpflanzen, die den Wasserrand so dicht säumen, dass man nicht ausmachen kann, wo das Wasser aufhört und das Ufer beginnt. Die Konturen dieses Dschungels verschwimmen in der flirrenden, libellenangereicherten Luft. Zuweilen durchkreuzt ein Eisvogel das impressionistische Gemälde, das ich mir vorstelle, mit den kleinen Kormoranen, die es vorziehen, faul am Saum in der Sonne zu sitzen.
Schmale, tief im Wasser liegende Kanus kommen entgegen. Sie sind mit Kies beladen und werden von sehnigen lediglich Dothie tragenden Männern sitzend gesteuert. Wenn sie lächeln, werden ihre vom Beeteltaback rötlich gefärbten Zähne sichtbar. Der süße Duft, den sie nach sich ziehen, er ist so außergewöhnlich, fremdartig, dass ich das Gefühl habe, ihn noch lange wahrzunehmen
Mit halbgeöffneten Augen beobachte ich den Bootsmann, der das Boot in wiederkehrenden gleichförmig-monotonen Bewegungen mit der lange Bambusstange in seinen geschwollenen Händen vom Wassergrund abstößt . Trotz der sengenden Hitze schwitzt er kaum. Sein Torso ist fest und kräftig, so wie sein gewölbter Bauch und der kurze Hohlrücken. Sein Gesicht ist sehr dunkel, sein Ausdruck angestrengt, eine Gesichtshälfte wird zudem von einem Vollbart verdeckt. Das Cap hat er tief in die Stirn gezogen, nur wenig von seinem dicht gewellten Haar ist sichtbar. Er schaut zu mir herüber aber der Blick ist leer, seine Pupillen bewegen sich fast nicht, tiefe Ringe rahmen in einem Halbmond sein unteres Augenlid.
Ich kritzle irgendetwas in mein Buch, schlafe wieder ein.
Am frühen Nachmittag kommt ein wenig Wind auf. Es ist ein unbekanntes Rauschen und Klimpern, Wispern. Vom Buschwerk hervorgerufen.
Ganz anders als das zarte säuseln des Buchenwaldes, durch den ich begleitet von der gleichmäßigen Viertakt-Schrittfolge eines Pferdes so oft geritten bin, den Blick in die hellgrünen Kronen gerichtet. Oder das Knistern der Pappeln im Seewind an der Ostseeküste, der meine Wangen eisig werden lässt und das klappernde Rascheln der Eichen, die einen Hohlweg bilden, dessen weicher Untergrund mich zwingt, mein Lauftempo zu drosseln, so dass ich jeden Atemzug noch deutlicher wahrnehme.
Hier ist der Himmel blau, die Luft schwer und ich bin reglos und lausche einfach nur.
Als ich vom Boot klettere, nimmt der Mann, der das Boot gesteuert hat, seine Mütze ab und plötzlich ist sein Gesicht ganz hell und ganz und gar offen, mein Lächeln erwidernd. Ich wundere mich noch lange über den Eindruck, den ich eingangs von ihm hatte.

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Erster Advent

Stille.

Krähengeschnarre, Blätterrauschen.
Aug in Aug mit dem kleinen Squirl, der unbekümmert, verschlafen, plötzlich verschwindet.
Ein kleiner gestrandeter roter Drachen tanzt schwerfällig an seinem Schnurrest im warmen Ostwind.
In Echoferne ist Andachtsgesang wahrnehmbar, mit geschlossen Augen;
Rickshawknattern ganz nah.

Und Stille.
In mir
allein.

Ein lauer Regentropfen aus der zerrissenen Wolke über mir berührt mein Gesicht,
und Sonne.
Weicher Jazz aus meinem Laptop lässt mich versinken
in Gedanken an Schnee und Lichter.

Bangalore, 30. November 2008