Endlos lang ist die Waggonreihe des Zuges, der mich über Nacht von Bangalore nach Cochin bringen soll.
Ich laufe den beiden Beamten hinterher, die Namenlisten an die Waggons anbringen, ein hochgewachsener, ganz schmal gesichtiger Mann pinselt Leim auf die vorgesehene Fläche, ein geräumig kleiner, stolz seine Uniform tragender hält den Papierstapel hoheitsvoll in seinen Händen. Obwohl ich meinen Waggon schon gefunden habe, sehe ich ihnen für eine Weile amüsiert zu. Schließlich finde ich meinen eigenen Namen auf der Liste.
Das Innere der mit vergitterten kleinen Fenstern versehenen Waggons der Sleeper Class ist spartanisch. Blaue, kunststoffbezogene Liegen zuoberst an Metallketten angebracht, links jeweils zwei übereinander, rechts drei, gegenüber angeordnet.
Die Schwüle an diesem Tag ist trotz der an der Decke angebrachten Ventilatoren, sie laufen auf höchster Stufe, unerträglich. Meine Haut fühlt sich klebrig an. Ich merke, wie die sich auf Dekolté und in der Mitte meiner Brust bildenden Tropfen, mich kitzelnd, in Richtung Bauchnabel herunterlaufen, wie meine Kurta rückseitig an der Sitzlehne haftet. Letzteres zwingt mich, meinen Oberkörper zeitweilig nach vorn zu beugen, um ihn vom Deckenventilator trocknen zu lassen. Abgesehen davon versuche ich, mich möglichst wenig zu bewegen. Der Waggon ist übervoll, nicht alle Mitreisenden haben einen Platz, manche sitzen einfach auf dem Boden. Es ist unglaublich eng.
Das mir gegenüber sitzende ältere Paar verwickelt mich umgehend nach dem Einsteigen in ein Gespräch. Überschwänglich, werde ich ungefragt mit allen nötigen Informationen über meinen Zielort überwältigt. Der Japaner neben mir ist schweigsam, er versteht mich schlecht. Spreche ich ihn auf Englisch an, ist es so als arbeiteten sich die Worte erst schwerfällig durch einen höchst komplizierten Übersetzungsprozess, bis nach 30 Sekunden plötzlich und überraschend, ich habe meine Frage schon wieder vergessen, eine Antwort aus seinem Mund fällt. Diese Geduldsprobe überlasse ich dem sich gierig auf ihr neues Opfer stürzenden eloquenten Gespann. Offensichtlich haben sie die beiden gegenseitig nur wenig zu sagen.
Beiläufig nickend klinke ich mich aus der Unterhaltung aus, sie ist wenig tiefgründig und ich bin zu träge, um mir neue Themen aus den Fingern zu saugen, über Belanglosigkeiten schläft sie schließlich ein. Schräg gegenüber, auf zwei Abteile verteilt hat es sich eine Familie bequem gemacht. Besser, drei Generationen letzterer.
Zwei Kinder, beide um die fünf Jahre, sitzen, jedes an einem Ende der Liege und rollen sich einen kleinen gelben Schaumgummiball zu. Sie sind völlig selbstvergessen in ihrem Spiel. Die Liege ist etwas uneben, so dass sie den kleinen Ball nicht ganz unter Kontrolle halten können. Ich kann sie ganz ungestört beobachten und warten, bis der Ball in meine Richtung rollt und zwei schwarze Augenpaare haargenau verfolgen, wie ich den Ball aufhebe. Aber lange bin ich nicht im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit.
Das zur Großfamilie gehörende ältere Paar sitzt eng beieinander. Die Vertrautheit beider ist spürbar, jede Berührung ist vorsichtige Gewohnheit. Die Bewegungen ihrer Körper sind einander angepasst und durchschauen sich gegenseitig. Beide haben die Beine zum Schneidersitz gefaltet. Sie sorgen einander, um nicht dem Windzug ausgesetzt zu sein. Zum Abendessen teilen sich ein wenig mitgebrachtes Chapatti mit Chutney, das sie ihm sorgfältig, hingebungsvoll zurecht macht. Er wird sie auch später in der Nacht nicht allein lassen, an ihrem Fußende wachen und nur zeitweilig, in der Ecke zusammengekauert, die Augen schließen.
Sie ist barfuß und trägt einen grün-weißen Sari. Ihre Fußsohlen sind flach, nahezu plan, ein Spann ist kaum mehr vorhanden, ihre Zehen gliedrig auseinander gebogen als haben sie nie längere Zeit geschlossene Schuhe getragen. Ihr ganzer Fuß, von dunklen Adern durchzogen, gleicht einem Fabeltier. Der mittlere, den großen Zeh überragende bildet zusammen mit ersterem ein mich vergnügt anschauendes Augenpaar.
Ihr Körper ist schwerer und breiter als der seinige. Er ist hager, sein Antlitz wenig eingefallen. Beide haben schönes, gepflegtes, graues, beinah milchig weißes Haar, dass ihre Gesichter heller wirken lässt, ihres noch zusätzlich durch die großen Gläser ihrer Brille, und selbst die dunklen Pigmente unter den Augen in ihrer Erscheinung abschwächt. Er trägt eine klassische Tracht, eine weiße hochgeschlagene Dhoti und ein dunkles Hemd. Sein offenes Gesicht wirkt frisch rasiert und mit seiner ledrigen Haut geseift sauber.
Beide kümmern sich um das Kinderdurcheinander mit der bemerkenswerten Nachsicht derer, die selbst schon solche großgezogen haben. Ihre Gesichtszüge werden weich und wohlwollend, der ernsten Diszipliniertheit weichend. Jedem Kind wird eine duldsame Aufmerksamkeit gebühr.
Ich fühle mich ein wenig ertappt, als die Frau mit offenem Blick, mein Interesse bemerkend, zu mir hinüber lächelt. Ihr Lächeln erwidernd versuche ich, meinen umherschweifenden Blick und mich selbst wieder in mein Buch zu vertiefen. In diese ganz andere Märchenwelt, fern der realen… mehrmals lese ich über ein Zitat und meine Gedanken bleiben daran hängen, während meine Augen weiter über die Buchstaben gleitet vom ratternden Rhythmus der Radkästen des fahrenden Zuges begleitet, mich schläfrig werden lassend.
`… and blessed be the first sweet suffering
that I felt in being conjoined with Love,
and the bow, and the shafts with which I was pierced,
and the wounds that run to the depths of my heart.`
(S. Rushdie)
Ist es so?
Es ist eine unruhige Nacht, mehrmals werde ich fiebrig wach. Unter mir teilt sich eine weitere Familie zu viert eine Liege. Von Zeit zu Zeit reichen sie mir ihr Kleinstes nach oben. Die kleinen runden schwarzen Pupillen fixieren mich so sehr, dass ich ein beklemmendes Gefühl bekomme. Ich kann nicht erklären, warum. Das kleine Köpfchen liegt gänzlich in meiner es stützenden rechten Hand, der Hinterkopf ist zu flach, das Baby liegt zu selten auf der Seite, der zahllosen Ohrringe, die es schön trägt wegen? Irgendwann schließe ich einfach die Augen und schlafe auf dem Bauch liegend ein.
Verschwitzt und mit eingeschlafenen Armen wache ich auf. Große Thermokannen tragende Männer laufen durch die Abteile, in langgezogenem Sprachgesang Coffee und Tea feilbietend. Der Geruch von Kaffee überdeckt das abteilfüllende Gemisch aus Schlafschweiß, Ammoniak und Abendessen, und ich atme tief in den Dampf, der von meinem kleinen Pappbecher aufsteigt.
Der Morgen ist noch jung, er hat die Sonne noch nicht hervorgebracht. Die Luft draußen ist bereits feuchtigkeitsgefüllt schwer. Im Waggon ist herrscht morgendliche Ruhe und ich folge dem Luftzug.
Alle Zustiege des in gemächlicher Geschwindigkeit fahrenden Zuges sind geöffnet. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, mich an beiden Griffen seitlich festhaltend, auf dem untersten Tritt stehend, weit aus dem Zug zu lehnen, um den Fahrtwind in meinem Gesicht zu spüren. Ganze Palmenwälder ziehen vorüber, Bananen und Kokussnußpalmen, Reisfelder, Seen und wieder rote Erde. Immer wieder laufen Menschen auf den Nachbargleisen. Sie tragen Geäst, gemüsegefüllte Körbe, Jutesäcke auf ihren Köpfen, und große stählerne Lunchboxen in den Händen, stillgelegte Bahnhöfe, Häuser, in deren Inneren noch Licht brennt. Es ist einer dieser magischen, völlig zeitlosen Momente, in dem die eigene Wahrnehmung, von nichts abgelenkt, deutlicher nicht sein kann.
Bald schiebt sich die Sonne als roter Ball in den nebligen Morgen. Mein Hemd ist getrocknet. Ich klappe meine Liege herunter, um mich die letzten zwei Stunden der Fahrt, mit dem schlafenden Zwerg auf dem Schoss, in mein Buch zu vertiefen.
Sonntag, 9. November 2008
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