Dienstag, 7. Oktober 2008

Sonntag

Wir hatten uns einfach ein Taxi für den Nachmittag gemietet, Arun, Friedemann und ich, um raus aus der Stadt zu kommen, mal etwas anderes zu sehen.
Die AC im Auto ausgeschaltet, die Fenster heruntergelassen und den Fahrtwind im Haar verlassen wir Bangalore durch dichten Verkehr. Es ist ein sonnig, wolkiger Tag, und bald ist auch schon ein ungewohnt großes Stück vom nicht durch Häuser zerschnittenem Himmel zu sehen. Ich bin nicht so ganz sicher, ob ich die Augen schließen oder die vorbeiziehende Landschaft vollkommen aufsaugen soll. Ich bin noch immer etwas müde und benommen. So langsam fühlt es sich richtig nach Draußensein an. Die einfachen und schmutzig wirkenden Vorstadtsiedlungen werden bald immer dünner und verschwinden dann gänzlich. Dafür tauchen Seen auf. Sie sind von Palmen und Büschen umsäumt. Grüne Felder und blassrote Erde ist zu sehen, deren Farbe mich an die vom berühmten Dal erinnert. Und immer wieder bleibt mein Auge an der Grenze zwischen Himmel und Palmengrün hängen.
Als erstes halten wir an einem der Seen und laufen einen Weg entlang, von dem aus uns zwei ungefähr zehnjährige Jungen entgegenkommen. Sie schieben mühsam ihre viel zu großen Fahrräder durch den weichen, feuchten Sand. Damit sind sie voll und ganz beschäftigt. Und ich sprinte zum Ufer, das etwas schmutziger ist, als es von weitem aussah.
Als nächstes gelangen wir zu einer kleinen Dorfschule. Das ockerfarbende Gebäude ist etwas, einem sandigen Hof platzgebend, zurückgesetzt und über und über bunt bemalt mit Bildern von Pflanzen, Tieren, dem menschlichen Körper, Alltagsgegenständen; jeweils versehen mit der entsprechenden englischen und Kannada-Wort. Es ist ein L-förmiges, flaches, einstöckiges Haus mit wohl nicht mehr als zehn Klassenräumen. Den Vorderteil des Hauses umgibt eine Veranda. Und dahinter ist eine ausladende Fläche auf der gerade einige Kinder Cricket spielen. Sie bemerken uns spät, so vertieft sind sie in ihr Spiel und wetteifern. Einige Erwachsene sehen ihnen dabei zu.
Ich spreche einen kleinen, einen Volleyball unter dem Arm tragenden Jungen an und er weißt mich entschieden darauf hin, dass es sich bei letzterem selbstredend nicht um einen Fußball handelt. Nach ein paar Ballwechseln gehen wir weiter. Weiter hinaus, ein Weg führt uns durch einige Büsche in die Felder. Ein paar Kinder und 2 Ziegen folgen uns mit einigem Sicherheitsabstand. Es ist genau die Entfernung die sich durch das Aufeinandertreffen von Neugier und Unsicherheit definiert. Aber bald sind wir alleine und ich laufe weiter nach vorn, um auch mit mir ein wenig alleine zu sein.
Meine Gedanken schweifen zusammen mit meinen Blicken und werden zeitweilig von zwei mich gänzlich ignorierenden Feldarbeitern, von über mir kreisenden Vögeln, die ich zu bestimmen versuche, aufgehalten. Ich ziehe meine Flip-Flops aus. Der Boden unter mir ist hartgetrocknet, warm und kieselig. Ich kann nicht widerstehen, einige Steine aufzuheben und sie in meine Hosentasche gleiten zu lassen.
Es ist so still und ruhig; ich kann nicht sagen, dass es gänzlich lautlos ist aber es scheint mir in diesem Moment so. Der Weg erinnert mich ein wenig an zu Hause. An einen, den ich auf so vielen langen Läufen und Spaziergängen einmal entlang gelaufen bin.
Bald kehren wir um, fahren noch ein wenig weiter. Ein Blumenfeld verströmt einen benebelnd süß-schweren Rosenduft. (Er erinnert mich an den unglaublichen Babera, den wir zu Mamas letztem Geburtstag getrunken haben, nachdem alle Gäste weg waren. Und irgendwie schleicht der Gewürtraminer vom Fährhaus in mein Gedächtnis und der Barolo, den wir den Sommer über gelehrt haben. Ich höre ja schon auf;-)).
Manchmal stehen mitten in der Landschaft einsam größere Häuser auf deren flachen Dächern Wäsche im Wind trocknet.
Als letztes halten wir an einer Siedlung an. Es sind wieder einstöckige Häuser von einfachster Bauart. Die Wände sind zuweilen unverputzt und Wohntrakt und Stallbereich gehen ineinander über. Wenn man hinein blinzelt, sieht man zumeist nur Dunkelheit aber man kann schon erahnen, dass hier eine ganze Familie auf kleinstem Raum lebt.
Auf der schmutzigen, schmalen Dorfgasse kommen mir immer wieder Kühe entgegen. Frauen waschen vor den Häusern, indem sie die Kleider hockend auf Steinen ausschlagen und mit Bürsten schrubben. Sie tragen einfache, billigseidene oder Baumwollsaris. Sie sehen gleichgültig zu mir herauf. Ich grüße eine ältere Frau mit Namaskara und sie lächelt ein zahnloses aber bezauberndes Lächeln. Das weiße Weiß in ihren Augen macht ihren Blick so lebendig, dass ich mich gar nicht so schnell abwenden kann.
Kinder spielen auf einem provisorischen Feld Volleyball und ich habe ehrlich Lust einfach mitzuspielen.
Beim Weitergehen überlege ich, wer jetzt interessierter starrt, die Leute an denen ich vorbei gehe, oder ich. Die Frage ist wohl nicht eindeutig zu beantworten.
Nachdem ich ein wenig durch ein Dickicht gegangen bin, treffe ich auf eine kleine Lichtung. In der Mitte ist eine Art in den Boden eingelassenes Wasserbassin. Es ist backsteingemauert, ungefähr 5 Meter breit und eine gemauerte Steintreppe schlängelt sich hinab bis auf den wohl fast 8 Meter tiefen, leider trocken gefallenen Grund. Ich stelle mir vor, wie es aussehen würde, wenn das Becken mit Wasser gefüllt wäre Ich hätte wohl nicht widerstehen können, mir die Klamotten abzustreifen und kurz rein zu springen.
Arun und Friedemann hatten auf mich an einer der religiösen Verehrungsstätten gewartet. Wir wollen schon wieder in unser Taxi einsteigen, da tritt ein Mann in traditioneller Kleidung lächelnd, eine halbe Kokusnuss in der Hand haltend auf uns zu und winkt uns, ihm in den kleinen Raum zu folgen. Unsicher tun wir ihm gleich und nehmen die Segnung an. Ich lasse mir einen roten Punkt auf die Stirn zeichnen. Und wir bekommen die halbe Kokusnuss geschenkt.
Auf dem Rückweg vollführt unser Fahrer waghalsige Überholmanöver. Wir überlegen, noch für einen Tee anzuhalten, entscheiden uns dann aber dagegen. Zu schnell sind wir wieder in Stadtnähe
Zurück in Bangalore, beeilen wir uns, auf das Dach des Hochhauses zu kommen, in dem Arun wohnt, um noch den Sonnenuntergang zu sehen.
Schweigend sitzen wir auf der großen Fläche weit von einander entfernt und beobachten den Himmel und die Lichter der Stadt bis es schließlich ganz dunkel ist.