Heute habe ich endlich mal wieder Muße, mein Tagebuch weiterzuschreiben. Es ist kurz vor Mitternacht und ich sitze unter meinem Moskitonetz im Bett und draußen rauscht der Regen herunter.
Das Geräusch meines tropfenden Spülkasten geht indes unter. Ich habe ein einfaches Zimmer mit einem winzigen Bad. Es überflutet sich komplett, wenn man duscht. Aber an die fortwährend klamme Feuchtigkeit überall habe ich mich so langsam gewöhnt.
Wenn ich über die schmale Treppe ins Haus gelange, steige ich über mit Kreide aufgezeichnete Mandalas. Die Familie, bei der ich wohne ich recht streng gläubig. Jeden morgen um halb sechs wird gebetet und gesungen und geklingelt. Anfangs habe ich gedacht, ich werde hier nie richtig ausschlafen können. Aber es geht. Der Gastvater ist ein etwas kauziger kleiner Mann, 47 Jahre alt. Seine Frau hat ihn verlassen, darüber spricht er nicht gerne. Er ist ein offener, direkter und neugieriger aber auch etwas eitler Mensch. Ich habe das Gefühl, dass er sehr um sein inneres Gleichgewicht bemüht ist und deshalb frühmorgens stundenlang Gebete singt. Derzeit ist er, so glaube ich, wegen mir Nachbarschaftsgespräch und es gefällt ihm ganz gut.
Es ist trotzdem eine Familie, weil er eine Witwe, Puttama und zwei Kindern (Puschpa und Balou)vom Land aufgenommen hat. Letzterer ist ungefähr 16, das Mädchen mag 17 Jahre alt sein. Am Anfang hatte ich deswegen ein komisches Gefühl aber es besteht kein Über/Unterordnungsverhältnis, im Gegenteil.
Das Mädchen ist tatsächlich noch mehr Mädchen als Frau. Ihr Gesicht, noch ganz Kind, ist rundlich, ihre Wangen voll. Der Rest ihres Körpers möchte bereits erwachsen sein, indes in einer noch unausgewogenen Form. Ihr Haar, welches ihr bis über die Schulterblätter reicht ist schwarz, dick und ölig; eine leichte Krause macht es zu etwas besonderem. Der kurze Ponny verdeckt ihre steile Stirn; der markanteste Teil des sonst so weich geformten Gesichts, das durch eine unmerklich schiefe Stupsnase in zwei nahezu kongruente Hälften geteilt wird. Ihre Augen, zurückgesetzt, versteckt in der Augenhöhle sind fast schwarz und kontrastieren mit dem weißen weiß ihrer Augen und Zähne.
Sie schmückt sich gern mit bunten und unecht goldenen Kettchen und Ohrringen. Damit wirkt sie sehr weiblich und dessen ist sie sich auch bewusst. Ihre Bewegungen sind etwas gezwungen und ich habe noch nicht herausgefunden, woran das liegt. Alles wirkt sehr kontrolliert und wenig spontan. Sie möchte eine bestimmte Ausstrahlung -ist es Stolz mit Gleichgültigkeit gepaart? haben.
Puttama hat einen geschmeidig schlanken, feingliedrigen fast knabenhaften Körper, er ist nicht mehr jung, ihr Alter ist schwer zu schätzen, sie scheint an irgendeiner Stelle aufgehört haben zu altern. Auch sie hat lange, mittelgescheitelte Haare. Sie hat ein ehrliches, ungekünsteltes noch etwas scheues Lächeln, das ihre schlechten Zähne zum Vorschein bringen lässt. Ihre Augen sind groß und lebendig. Ihre Handgelenke sind im Vergleich zu ihren großen Händen sehr schmal. Sie trägt ausschließlich einfache, seidene Saris.
Balou sehe ich eigentlich nur zum Essen und jedesmal muss ich darüber schmunzeln, wie er ißt. Gegessen wir ja von Tellern, die aussehen, wie Alupfannen mit hochgezogenem Rand. Die anderen sind immer um Ordnung darauf bemüht. Balou vermischt alle Zutaten und knetet sie danach mit seiner rechten Hand wie einen Teig zusammen, um sich dann wieder kleine mundgerechte Stücken heraus zu suchen, die er dann gierig im Mund verschwinden.
Wenn ich möchte, darf ich sogar morgens an den Zeremonien teilhaben. Man ist mir aber auch nicht böse, wenn ich nur die gesegneten Süßigkeiten mitesse.
Mittwoch, 3. September 2008
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