Montag, 4. Mai 2009

Sekundenschlaf

langsamer Schwung,
schwere Augenlider-
sanfte Lippen, zarte Haut-

deine Nackenhaare
verstecken meine Nase.

mein Schal weht im Fahrtwind-

und wir lassen uns zu Wasser
links der Serpentinen.

Montag, 8. Dezember 2008

Backwaters

Langsam schieben sich die Bote durch den schmalen Kanal des Fluss und Seendeltas, mal versetzt, mal hintereinander aufgereiht. Sie sind aus Holz, spitz zulaufend, in der Mitte lediglich zwei Meter breit. Das Bambusdach, das wie ein übergroßer Rattankorb anmutet ist mit Tauen aus Kokusnussfasern zusammengehalten.
Unmerklich gleitend, von zwei Männern mit langen Bambusstangen gesteuert bricht das Boot den glatten Spiegel der Oberfläche des flachen Gewässers.
Es ist ganz still, die Vögel haben ihr Morgenkonzert bereits beendet. Hörbar ist einzig das dumpfe Geräusch der unter Wasser aufgewirbelten Gischt, wenn der Stab in das Wasser eintaucht und das der Wassertropfen, die vom im weiten Bogen, einem Ruder gleich, zurückgezogenen Stab abperlen und auf die Wasseroberfläche auftreffen.
Die kühle Luftschicht, die sich zur Nacht über dem Wasser gebildet hat, ist noch spürbar, denn es ist noch früher Vormittag.
Das Wasser wird von einem über und über grünen Palmendickicht umsäumt.
Ich mache es mir in einem der vorderen Rattansessel, meine Dupatta im Nacken zusammgerollt, bequem. Meine Füße habe ich in das lauwarme Wasser getaucht, ich spüre es kaum. Es ist so still und friedlich, dass ich von Zeit zu Zeit in einen traumlosen Kurzschlaf sinke. Mit trockenem Mund wache ich wieder auf und es scheint binnen kurzer Zeit Mittag geworden zu sein.
Um mich herum Palmen, Mangroven, wilde Ananas, rot blühender Oleander, Kakao-, Muskat- und Mangobäume. Und Wasserpflanzen, die den Wasserrand so dicht säumen, dass man nicht ausmachen kann, wo das Wasser aufhört und das Ufer beginnt. Die Konturen dieses Dschungels verschwimmen in der flirrenden, libellenangereicherten Luft. Zuweilen durchkreuzt ein Eisvogel das impressionistische Gemälde, das ich mir vorstelle, mit den kleinen Kormoranen, die es vorziehen, faul am Saum in der Sonne zu sitzen.
Schmale, tief im Wasser liegende Kanus kommen entgegen. Sie sind mit Kies beladen und werden von sehnigen lediglich Dothie tragenden Männern sitzend gesteuert. Wenn sie lächeln, werden ihre vom Beeteltaback rötlich gefärbten Zähne sichtbar. Der süße Duft, den sie nach sich ziehen, er ist so außergewöhnlich, fremdartig, dass ich das Gefühl habe, ihn noch lange wahrzunehmen
Mit halbgeöffneten Augen beobachte ich den Bootsmann, der das Boot in wiederkehrenden gleichförmig-monotonen Bewegungen mit der lange Bambusstange in seinen geschwollenen Händen vom Wassergrund abstößt . Trotz der sengenden Hitze schwitzt er kaum. Sein Torso ist fest und kräftig, so wie sein gewölbter Bauch und der kurze Hohlrücken. Sein Gesicht ist sehr dunkel, sein Ausdruck angestrengt, eine Gesichtshälfte wird zudem von einem Vollbart verdeckt. Das Cap hat er tief in die Stirn gezogen, nur wenig von seinem dicht gewellten Haar ist sichtbar. Er schaut zu mir herüber aber der Blick ist leer, seine Pupillen bewegen sich fast nicht, tiefe Ringe rahmen in einem Halbmond sein unteres Augenlid.
Ich kritzle irgendetwas in mein Buch, schlafe wieder ein.
Am frühen Nachmittag kommt ein wenig Wind auf. Es ist ein unbekanntes Rauschen und Klimpern, Wispern. Vom Buschwerk hervorgerufen.
Ganz anders als das zarte säuseln des Buchenwaldes, durch den ich begleitet von der gleichmäßigen Viertakt-Schrittfolge eines Pferdes so oft geritten bin, den Blick in die hellgrünen Kronen gerichtet. Oder das Knistern der Pappeln im Seewind an der Ostseeküste, der meine Wangen eisig werden lässt und das klappernde Rascheln der Eichen, die einen Hohlweg bilden, dessen weicher Untergrund mich zwingt, mein Lauftempo zu drosseln, so dass ich jeden Atemzug noch deutlicher wahrnehme.
Hier ist der Himmel blau, die Luft schwer und ich bin reglos und lausche einfach nur.
Als ich vom Boot klettere, nimmt der Mann, der das Boot gesteuert hat, seine Mütze ab und plötzlich ist sein Gesicht ganz hell und ganz und gar offen, mein Lächeln erwidernd. Ich wundere mich noch lange über den Eindruck, den ich eingangs von ihm hatte.

Mittwoch, 3. Dezember 2008

Erster Advent

Stille.

Krähengeschnarre, Blätterrauschen.
Aug in Aug mit dem kleinen Squirl, der unbekümmert, verschlafen, plötzlich verschwindet.
Ein kleiner gestrandeter roter Drachen tanzt schwerfällig an seinem Schnurrest im warmen Ostwind.
In Echoferne ist Andachtsgesang wahrnehmbar, mit geschlossen Augen;
Rickshawknattern ganz nah.

Und Stille.
In mir
allein.

Ein lauer Regentropfen aus der zerrissenen Wolke über mir berührt mein Gesicht,
und Sonne.
Weicher Jazz aus meinem Laptop lässt mich versinken
in Gedanken an Schnee und Lichter.

Bangalore, 30. November 2008

Sonntag, 9. November 2008

Nach Cochin

Endlos lang ist die Waggonreihe des Zuges, der mich über Nacht von Bangalore nach Cochin bringen soll.
Ich laufe den beiden Beamten hinterher, die Namenlisten an die Waggons anbringen, ein hochgewachsener, ganz schmal gesichtiger Mann pinselt Leim auf die vorgesehene Fläche, ein geräumig kleiner, stolz seine Uniform tragender hält den Papierstapel hoheitsvoll in seinen Händen. Obwohl ich meinen Waggon schon gefunden habe, sehe ich ihnen für eine Weile amüsiert zu. Schließlich finde ich meinen eigenen Namen auf der Liste.
Das Innere der mit vergitterten kleinen Fenstern versehenen Waggons der Sleeper Class ist spartanisch. Blaue, kunststoffbezogene Liegen zuoberst an Metallketten angebracht, links jeweils zwei übereinander, rechts drei, gegenüber angeordnet.
Die Schwüle an diesem Tag ist trotz der an der Decke angebrachten Ventilatoren, sie laufen auf höchster Stufe, unerträglich. Meine Haut fühlt sich klebrig an. Ich merke, wie die sich auf Dekolté und in der Mitte meiner Brust bildenden Tropfen, mich kitzelnd, in Richtung Bauchnabel herunterlaufen, wie meine Kurta rückseitig an der Sitzlehne haftet. Letzteres zwingt mich, meinen Oberkörper zeitweilig nach vorn zu beugen, um ihn vom Deckenventilator trocknen zu lassen. Abgesehen davon versuche ich, mich möglichst wenig zu bewegen. Der Waggon ist übervoll, nicht alle Mitreisenden haben einen Platz, manche sitzen einfach auf dem Boden. Es ist unglaublich eng.
Das mir gegenüber sitzende ältere Paar verwickelt mich umgehend nach dem Einsteigen in ein Gespräch. Überschwänglich, werde ich ungefragt mit allen nötigen Informationen über meinen Zielort überwältigt. Der Japaner neben mir ist schweigsam, er versteht mich schlecht. Spreche ich ihn auf Englisch an, ist es so als arbeiteten sich die Worte erst schwerfällig durch einen höchst komplizierten Übersetzungsprozess, bis nach 30 Sekunden plötzlich und überraschend, ich habe meine Frage schon wieder vergessen, eine Antwort aus seinem Mund fällt. Diese Geduldsprobe überlasse ich dem sich gierig auf ihr neues Opfer stürzenden eloquenten Gespann. Offensichtlich haben sie die beiden gegenseitig nur wenig zu sagen.
Beiläufig nickend klinke ich mich aus der Unterhaltung aus, sie ist wenig tiefgründig und ich bin zu träge, um mir neue Themen aus den Fingern zu saugen, über Belanglosigkeiten schläft sie schließlich ein. Schräg gegenüber, auf zwei Abteile verteilt hat es sich eine Familie bequem gemacht. Besser, drei Generationen letzterer.
Zwei Kinder, beide um die fünf Jahre, sitzen, jedes an einem Ende der Liege und rollen sich einen kleinen gelben Schaumgummiball zu. Sie sind völlig selbstvergessen in ihrem Spiel. Die Liege ist etwas uneben, so dass sie den kleinen Ball nicht ganz unter Kontrolle halten können. Ich kann sie ganz ungestört beobachten und warten, bis der Ball in meine Richtung rollt und zwei schwarze Augenpaare haargenau verfolgen, wie ich den Ball aufhebe. Aber lange bin ich nicht im Zentrum ihrer Aufmerksamkeit.
Das zur Großfamilie gehörende ältere Paar sitzt eng beieinander. Die Vertrautheit beider ist spürbar, jede Berührung ist vorsichtige Gewohnheit. Die Bewegungen ihrer Körper sind einander angepasst und durchschauen sich gegenseitig. Beide haben die Beine zum Schneidersitz gefaltet. Sie sorgen einander, um nicht dem Windzug ausgesetzt zu sein. Zum Abendessen teilen sich ein wenig mitgebrachtes Chapatti mit Chutney, das sie ihm sorgfältig, hingebungsvoll zurecht macht. Er wird sie auch später in der Nacht nicht allein lassen, an ihrem Fußende wachen und nur zeitweilig, in der Ecke zusammengekauert, die Augen schließen.
Sie ist barfuß und trägt einen grün-weißen Sari. Ihre Fußsohlen sind flach, nahezu plan, ein Spann ist kaum mehr vorhanden, ihre Zehen gliedrig auseinander gebogen als haben sie nie längere Zeit geschlossene Schuhe getragen. Ihr ganzer Fuß, von dunklen Adern durchzogen, gleicht einem Fabeltier. Der mittlere, den großen Zeh überragende bildet zusammen mit ersterem ein mich vergnügt anschauendes Augenpaar.
Ihr Körper ist schwerer und breiter als der seinige. Er ist hager, sein Antlitz wenig eingefallen. Beide haben schönes, gepflegtes, graues, beinah milchig weißes Haar, dass ihre Gesichter heller wirken lässt, ihres noch zusätzlich durch die großen Gläser ihrer Brille, und selbst die dunklen Pigmente unter den Augen in ihrer Erscheinung abschwächt. Er trägt eine klassische Tracht, eine weiße hochgeschlagene Dhoti und ein dunkles Hemd. Sein offenes Gesicht wirkt frisch rasiert und mit seiner ledrigen Haut geseift sauber.
Beide kümmern sich um das Kinderdurcheinander mit der bemerkenswerten Nachsicht derer, die selbst schon solche großgezogen haben. Ihre Gesichtszüge werden weich und wohlwollend, der ernsten Diszipliniertheit weichend. Jedem Kind wird eine duldsame Aufmerksamkeit gebühr.
Ich fühle mich ein wenig ertappt, als die Frau mit offenem Blick, mein Interesse bemerkend, zu mir hinüber lächelt. Ihr Lächeln erwidernd versuche ich, meinen umherschweifenden Blick und mich selbst wieder in mein Buch zu vertiefen. In diese ganz andere Märchenwelt, fern der realen… mehrmals lese ich über ein Zitat und meine Gedanken bleiben daran hängen, während meine Augen weiter über die Buchstaben gleitet vom ratternden Rhythmus der Radkästen des fahrenden Zuges begleitet, mich schläfrig werden lassend.
`… and blessed be the first sweet suffering
that I felt in being conjoined with Love,
and the bow, and the shafts with which I was pierced,
and the wounds that run to the depths of my heart.`
(S. Rushdie)
Ist es so?
Es ist eine unruhige Nacht, mehrmals werde ich fiebrig wach. Unter mir teilt sich eine weitere Familie zu viert eine Liege. Von Zeit zu Zeit reichen sie mir ihr Kleinstes nach oben. Die kleinen runden schwarzen Pupillen fixieren mich so sehr, dass ich ein beklemmendes Gefühl bekomme. Ich kann nicht erklären, warum. Das kleine Köpfchen liegt gänzlich in meiner es stützenden rechten Hand, der Hinterkopf ist zu flach, das Baby liegt zu selten auf der Seite, der zahllosen Ohrringe, die es schön trägt wegen? Irgendwann schließe ich einfach die Augen und schlafe auf dem Bauch liegend ein.
Verschwitzt und mit eingeschlafenen Armen wache ich auf. Große Thermokannen tragende Männer laufen durch die Abteile, in langgezogenem Sprachgesang Coffee und Tea feilbietend. Der Geruch von Kaffee überdeckt das abteilfüllende Gemisch aus Schlafschweiß, Ammoniak und Abendessen, und ich atme tief in den Dampf, der von meinem kleinen Pappbecher aufsteigt.
Der Morgen ist noch jung, er hat die Sonne noch nicht hervorgebracht. Die Luft draußen ist bereits feuchtigkeitsgefüllt schwer. Im Waggon ist herrscht morgendliche Ruhe und ich folge dem Luftzug.
Alle Zustiege des in gemächlicher Geschwindigkeit fahrenden Zuges sind geöffnet. Ich kann der Versuchung nicht widerstehen, mich an beiden Griffen seitlich festhaltend, auf dem untersten Tritt stehend, weit aus dem Zug zu lehnen, um den Fahrtwind in meinem Gesicht zu spüren. Ganze Palmenwälder ziehen vorüber, Bananen und Kokussnußpalmen, Reisfelder, Seen und wieder rote Erde. Immer wieder laufen Menschen auf den Nachbargleisen. Sie tragen Geäst, gemüsegefüllte Körbe, Jutesäcke auf ihren Köpfen, und große stählerne Lunchboxen in den Händen, stillgelegte Bahnhöfe, Häuser, in deren Inneren noch Licht brennt. Es ist einer dieser magischen, völlig zeitlosen Momente, in dem die eigene Wahrnehmung, von nichts abgelenkt, deutlicher nicht sein kann.
Bald schiebt sich die Sonne als roter Ball in den nebligen Morgen. Mein Hemd ist getrocknet. Ich klappe meine Liege herunter, um mich die letzten zwei Stunden der Fahrt, mit dem schlafenden Zwerg auf dem Schoss, in mein Buch zu vertiefen.

Dienstag, 7. Oktober 2008

Sonntag

Wir hatten uns einfach ein Taxi für den Nachmittag gemietet, Arun, Friedemann und ich, um raus aus der Stadt zu kommen, mal etwas anderes zu sehen.
Die AC im Auto ausgeschaltet, die Fenster heruntergelassen und den Fahrtwind im Haar verlassen wir Bangalore durch dichten Verkehr. Es ist ein sonnig, wolkiger Tag, und bald ist auch schon ein ungewohnt großes Stück vom nicht durch Häuser zerschnittenem Himmel zu sehen. Ich bin nicht so ganz sicher, ob ich die Augen schließen oder die vorbeiziehende Landschaft vollkommen aufsaugen soll. Ich bin noch immer etwas müde und benommen. So langsam fühlt es sich richtig nach Draußensein an. Die einfachen und schmutzig wirkenden Vorstadtsiedlungen werden bald immer dünner und verschwinden dann gänzlich. Dafür tauchen Seen auf. Sie sind von Palmen und Büschen umsäumt. Grüne Felder und blassrote Erde ist zu sehen, deren Farbe mich an die vom berühmten Dal erinnert. Und immer wieder bleibt mein Auge an der Grenze zwischen Himmel und Palmengrün hängen.
Als erstes halten wir an einem der Seen und laufen einen Weg entlang, von dem aus uns zwei ungefähr zehnjährige Jungen entgegenkommen. Sie schieben mühsam ihre viel zu großen Fahrräder durch den weichen, feuchten Sand. Damit sind sie voll und ganz beschäftigt. Und ich sprinte zum Ufer, das etwas schmutziger ist, als es von weitem aussah.
Als nächstes gelangen wir zu einer kleinen Dorfschule. Das ockerfarbende Gebäude ist etwas, einem sandigen Hof platzgebend, zurückgesetzt und über und über bunt bemalt mit Bildern von Pflanzen, Tieren, dem menschlichen Körper, Alltagsgegenständen; jeweils versehen mit der entsprechenden englischen und Kannada-Wort. Es ist ein L-förmiges, flaches, einstöckiges Haus mit wohl nicht mehr als zehn Klassenräumen. Den Vorderteil des Hauses umgibt eine Veranda. Und dahinter ist eine ausladende Fläche auf der gerade einige Kinder Cricket spielen. Sie bemerken uns spät, so vertieft sind sie in ihr Spiel und wetteifern. Einige Erwachsene sehen ihnen dabei zu.
Ich spreche einen kleinen, einen Volleyball unter dem Arm tragenden Jungen an und er weißt mich entschieden darauf hin, dass es sich bei letzterem selbstredend nicht um einen Fußball handelt. Nach ein paar Ballwechseln gehen wir weiter. Weiter hinaus, ein Weg führt uns durch einige Büsche in die Felder. Ein paar Kinder und 2 Ziegen folgen uns mit einigem Sicherheitsabstand. Es ist genau die Entfernung die sich durch das Aufeinandertreffen von Neugier und Unsicherheit definiert. Aber bald sind wir alleine und ich laufe weiter nach vorn, um auch mit mir ein wenig alleine zu sein.
Meine Gedanken schweifen zusammen mit meinen Blicken und werden zeitweilig von zwei mich gänzlich ignorierenden Feldarbeitern, von über mir kreisenden Vögeln, die ich zu bestimmen versuche, aufgehalten. Ich ziehe meine Flip-Flops aus. Der Boden unter mir ist hartgetrocknet, warm und kieselig. Ich kann nicht widerstehen, einige Steine aufzuheben und sie in meine Hosentasche gleiten zu lassen.
Es ist so still und ruhig; ich kann nicht sagen, dass es gänzlich lautlos ist aber es scheint mir in diesem Moment so. Der Weg erinnert mich ein wenig an zu Hause. An einen, den ich auf so vielen langen Läufen und Spaziergängen einmal entlang gelaufen bin.
Bald kehren wir um, fahren noch ein wenig weiter. Ein Blumenfeld verströmt einen benebelnd süß-schweren Rosenduft. (Er erinnert mich an den unglaublichen Babera, den wir zu Mamas letztem Geburtstag getrunken haben, nachdem alle Gäste weg waren. Und irgendwie schleicht der Gewürtraminer vom Fährhaus in mein Gedächtnis und der Barolo, den wir den Sommer über gelehrt haben. Ich höre ja schon auf;-)).
Manchmal stehen mitten in der Landschaft einsam größere Häuser auf deren flachen Dächern Wäsche im Wind trocknet.
Als letztes halten wir an einer Siedlung an. Es sind wieder einstöckige Häuser von einfachster Bauart. Die Wände sind zuweilen unverputzt und Wohntrakt und Stallbereich gehen ineinander über. Wenn man hinein blinzelt, sieht man zumeist nur Dunkelheit aber man kann schon erahnen, dass hier eine ganze Familie auf kleinstem Raum lebt.
Auf der schmutzigen, schmalen Dorfgasse kommen mir immer wieder Kühe entgegen. Frauen waschen vor den Häusern, indem sie die Kleider hockend auf Steinen ausschlagen und mit Bürsten schrubben. Sie tragen einfache, billigseidene oder Baumwollsaris. Sie sehen gleichgültig zu mir herauf. Ich grüße eine ältere Frau mit Namaskara und sie lächelt ein zahnloses aber bezauberndes Lächeln. Das weiße Weiß in ihren Augen macht ihren Blick so lebendig, dass ich mich gar nicht so schnell abwenden kann.
Kinder spielen auf einem provisorischen Feld Volleyball und ich habe ehrlich Lust einfach mitzuspielen.
Beim Weitergehen überlege ich, wer jetzt interessierter starrt, die Leute an denen ich vorbei gehe, oder ich. Die Frage ist wohl nicht eindeutig zu beantworten.
Nachdem ich ein wenig durch ein Dickicht gegangen bin, treffe ich auf eine kleine Lichtung. In der Mitte ist eine Art in den Boden eingelassenes Wasserbassin. Es ist backsteingemauert, ungefähr 5 Meter breit und eine gemauerte Steintreppe schlängelt sich hinab bis auf den wohl fast 8 Meter tiefen, leider trocken gefallenen Grund. Ich stelle mir vor, wie es aussehen würde, wenn das Becken mit Wasser gefüllt wäre Ich hätte wohl nicht widerstehen können, mir die Klamotten abzustreifen und kurz rein zu springen.
Arun und Friedemann hatten auf mich an einer der religiösen Verehrungsstätten gewartet. Wir wollen schon wieder in unser Taxi einsteigen, da tritt ein Mann in traditioneller Kleidung lächelnd, eine halbe Kokusnuss in der Hand haltend auf uns zu und winkt uns, ihm in den kleinen Raum zu folgen. Unsicher tun wir ihm gleich und nehmen die Segnung an. Ich lasse mir einen roten Punkt auf die Stirn zeichnen. Und wir bekommen die halbe Kokusnuss geschenkt.
Auf dem Rückweg vollführt unser Fahrer waghalsige Überholmanöver. Wir überlegen, noch für einen Tee anzuhalten, entscheiden uns dann aber dagegen. Zu schnell sind wir wieder in Stadtnähe
Zurück in Bangalore, beeilen wir uns, auf das Dach des Hochhauses zu kommen, in dem Arun wohnt, um noch den Sonnenuntergang zu sehen.
Schweigend sitzen wir auf der großen Fläche weit von einander entfernt und beobachten den Himmel und die Lichter der Stadt bis es schließlich ganz dunkel ist.

Mittwoch, 3. September 2008

Angekommen-so langsam

Heute habe ich endlich mal wieder Muße, mein Tagebuch weiterzuschreiben. Es ist kurz vor Mitternacht und ich sitze unter meinem Moskitonetz im Bett und draußen rauscht der Regen herunter.
Das Geräusch meines tropfenden Spülkasten geht indes unter. Ich habe ein einfaches Zimmer mit einem winzigen Bad. Es überflutet sich komplett, wenn man duscht. Aber an die fortwährend klamme Feuchtigkeit überall habe ich mich so langsam gewöhnt.
Wenn ich über die schmale Treppe ins Haus gelange, steige ich über mit Kreide aufgezeichnete Mandalas. Die Familie, bei der ich wohne ich recht streng gläubig. Jeden morgen um halb sechs wird gebetet und gesungen und geklingelt. Anfangs habe ich gedacht, ich werde hier nie richtig ausschlafen können. Aber es geht. Der Gastvater ist ein etwas kauziger kleiner Mann, 47 Jahre alt. Seine Frau hat ihn verlassen, darüber spricht er nicht gerne. Er ist ein offener, direkter und neugieriger aber auch etwas eitler Mensch. Ich habe das Gefühl, dass er sehr um sein inneres Gleichgewicht bemüht ist und deshalb frühmorgens stundenlang Gebete singt. Derzeit ist er, so glaube ich, wegen mir Nachbarschaftsgespräch und es gefällt ihm ganz gut.
Es ist trotzdem eine Familie, weil er eine Witwe, Puttama und zwei Kindern (Puschpa und Balou)vom Land aufgenommen hat. Letzterer ist ungefähr 16, das Mädchen mag 17 Jahre alt sein. Am Anfang hatte ich deswegen ein komisches Gefühl aber es besteht kein Über/Unterordnungsverhältnis, im Gegenteil.
Das Mädchen ist tatsächlich noch mehr Mädchen als Frau. Ihr Gesicht, noch ganz Kind, ist rundlich, ihre Wangen voll. Der Rest ihres Körpers möchte bereits erwachsen sein, indes in einer noch unausgewogenen Form. Ihr Haar, welches ihr bis über die Schulterblätter reicht ist schwarz, dick und ölig; eine leichte Krause macht es zu etwas besonderem. Der kurze Ponny verdeckt ihre steile Stirn; der markanteste Teil des sonst so weich geformten Gesichts, das durch eine unmerklich schiefe Stupsnase in zwei nahezu kongruente Hälften geteilt wird. Ihre Augen, zurückgesetzt, versteckt in der Augenhöhle sind fast schwarz und kontrastieren mit dem weißen weiß ihrer Augen und Zähne.
Sie schmückt sich gern mit bunten und unecht goldenen Kettchen und Ohrringen. Damit wirkt sie sehr weiblich und dessen ist sie sich auch bewusst. Ihre Bewegungen sind etwas gezwungen und ich habe noch nicht herausgefunden, woran das liegt. Alles wirkt sehr kontrolliert und wenig spontan. Sie möchte eine bestimmte Ausstrahlung -ist es Stolz mit Gleichgültigkeit gepaart? haben.
Puttama hat einen geschmeidig schlanken, feingliedrigen fast knabenhaften Körper, er ist nicht mehr jung, ihr Alter ist schwer zu schätzen, sie scheint an irgendeiner Stelle aufgehört haben zu altern. Auch sie hat lange, mittelgescheitelte Haare. Sie hat ein ehrliches, ungekünsteltes noch etwas scheues Lächeln, das ihre schlechten Zähne zum Vorschein bringen lässt. Ihre Augen sind groß und lebendig. Ihre Handgelenke sind im Vergleich zu ihren großen Händen sehr schmal. Sie trägt ausschließlich einfache, seidene Saris.
Balou sehe ich eigentlich nur zum Essen und jedesmal muss ich darüber schmunzeln, wie er ißt. Gegessen wir ja von Tellern, die aussehen, wie Alupfannen mit hochgezogenem Rand. Die anderen sind immer um Ordnung darauf bemüht. Balou vermischt alle Zutaten und knetet sie danach mit seiner rechten Hand wie einen Teig zusammen, um sich dann wieder kleine mundgerechte Stücken heraus zu suchen, die er dann gierig im Mund verschwinden.
Wenn ich möchte, darf ich sogar morgens an den Zeremonien teilhaben. Man ist mir aber auch nicht böse, wenn ich nur die gesegneten Süßigkeiten mitesse.

Mittwoch, 13. August 2008

Leider ist kein Internetsignal in der Nähe zu finden und ich bin einfach nur noch müde und aufgekratzt. Ich habe das Bedürfnis, alle Eindrücke in Worte zu fassen aber irgendwie geht es nicht, ich weiß nicht, wo ich anfangen soll. Also schreibe ich es so auf, wie es kommt.
Alle Sinne sind aufgespannt wie ein Bogen (wo hab ich das bloß her---Werther?!)
Heute morgen war so ein schlimmes Verkehrschaos, dass die Rikscha weder vorwärts noch rückwärts fahren konnte und ich habe mich so nach meinem grad heute vergessenen IPod gesehnt (Cori, ich hab versucht, dich anzurufen). Das beste ist, dass ich in Wirklichkeit nur zwanzig Minuten zu spät gekommen bin; die gefühlte Zeit war eineinhalb Stunden. Irgendwo gibt’s einen Ausweg und zwar immer. Danach sind wir in einem der berühmten Schlaglöcher stecken geblieben: aussteigen, rausschieben und weiter geht die Fahrt.
Die Luft ist seltsam, es ist ungewöhnlich windig und es regnet unregelmäßig. Aber trotzdem fühlt es sich immer drückend ab.
Die Arbeit ist anstrengend aber wenigstens langweile ich mich nicht. Zudem sind die Leute alle sehr nett.
Heute bin ich umgezogen und bin nicht sicher, die richtige Wahl getroffen zu haben, so wie immer. Aber irgendwann muss man sich ja mal entscheiden. Wahrscheinlich hatte ich heute Abend meinen ersten kleinen Kulturschock. Eher orthodox gläubige Hindus, Schuhe aus, Reisessen nur mit der rechten Hand.
Bis dato wurde ich ja eher sanft geschaukelt in Meenas netter Service Apartment Unterkunft. (Die Tatsache, dass Anil, der Koch, Stubenmädchen und Putzfrau, 24h-Rezeption und Anstandsdamme in einem ist, nachts vor der Tür seine Matratze ausrollt---bizarrerweise okkupiert er in Abwesenheit der Gäste mit seinem Freund immer irgendein Zimmer und die beiden führen sich auf, wie ein Liebespaar, also sie sitzen vor dem Fernseher und kichern sich einen ab---ist für mich immer noch etwas befremdlich.
Und weiter: sind die komischen Käfer, die Nachts auf der Treppe hocken und manchmal durch die Küche sprinten jetzt nun Kakerlaken oder nicht??? Ich werde lieber keine Recherche starten. Die Küche hier ist jedenfalls sauber.
Das gute ist, ich bin soooo unendlich müde, dass es mir egal ist, wie hart meine Matratze ist und dass irgendwie alles müffelt. Richtig gut ist, dass alle Fenster im Haus offen sind, überall sind feinmaschige Moskitonetze davor, so dass ich es heute gar nicht erst probiert habe, meines aufzubauen (ich habe beschlossen, dass kein Moskito im Raum ist, Punkt. Leider habe ich vorhin anscheinend mal wieder den Hauptlichtschalter erwischt, so dass es dunkel ist, ich kein Licht mehr anbekomme und keinem blassen Schimmer hab, wie man das ändern kann. Aber der Laptop läuft noch auf Reststrom.
Letzte Nacht habe ich kaum geschlafen. Ab nächste Woche werde ich regelmäßig morgens in den Gym gehen. Das habe ich mir fest vorgenommen. Morgen werde ich endlich meine extra angefertigte Tracht abholen---ich bin schon mal echt gespannt, wie ich damit ausschaue. Wenn der Friedemann endlich mal ein paar Bilder schicken würde, wäre das Idaho-Bild auch schon längst weg.
Schluss, ich werde jetzt mindestens sieben Stunden am Stück schlafen und morgen wird alles glatt gehen. Und es geht mir schon viel besser, tada!

Dienstag, 5. August 2008

Suche PG-a in Bangalore-------

Heute habe ich es in der Rekordzeit von knapp 20 Minuten zur Kanzlei geschafft und für 10 Rupees weniger als gestern, ha! Nun bin ich eine halbe Stunde zu früh hier.
Leider habe ich immernoch keine für ein halbes Jahr geeigntete Bleibe gefunden. Das ist doch ein wenig anstrengend. Vielleicht suche ich mir doch irgendetwas, was nicht so nah dran aber dafür nett ist. Heute morgen habe ich Ámil, dem 24h-männlichen-Hausmädchen (houseboy, sagen die hier, das klingt echt krass) meine Klamotten zum waschen gegeben, bin ja mal gespannt, was ich da heute abend dann wiederbekomme. Es scheint normal hier zu sein, viele Hausangestellte zu haben. Hier in der Kanzlei laufen allein drei an der Zahl herum, die mein Wasser immer wieder auffüllen, mir Akten und Bücher tragen einer steht nur vorn und macht die Tür auf und zu. Das ist echt gewöhnungsbedürftig. Vor allem werden die ganz schön im Befehlston herumgescheucht. Naja, heute ist hier ein großes Meeting. Gleich gehts weiter.

Montag, 4. August 2008

Tiefe Verbeugung vor dem High Court

Riesig hohe, offene Säle, nur mit dem Vorhang verschließbar, bei deren Betreten man eine tiefe Verbeugung vor dem Richter machen muss; an den Decken jeweils 9 Ventilatoren, deren Wind in den Aktenstapeln blättert, überall Anwälte in wehenden Roben, Leute die Aktenstapel von einem halben Meter Höhe auf ihrem Kopf durch die Gegend tragen und der Richter nimmt sich die Zeit, die Urteile dem Gerichtshelfer direkt in die HAND zu diktieren. In der Mitte des Gesamtgebäudekomplexes trifft man auf einen großen, ebenfalls nach allen Seiten offener Saal, in denen die Mitglieder der law accociation auf ausladenden Bänken sitzen; auf der Terrasse dahinter wird Essen und Trinken ausgegeben, kostenlos, versteht sich. Das ganze Gebäude ist in rot gehalten und befindet sich in einer Art Park. (Total unwirklich.)
Ich hatte einen anstrengenden ersten Tag und zwar deshalb, weil ich immer noch so müde bin und mir beim Gericht folglich ständig die Augen zugefallen sind, echt peinlich. Die Leute sind erstmal nett, soweit man das nach einem Tag beurteilen kann.
Mittlerweile mache ich mich schon besser in Sachen Ortskenntnis, obwohl der Taxifahrer von vorhin mal wieder viel zu gut an mir verdient hat. Naja, alles geht nun auch nicht: Handeln und nach Hause finden. Immerhin habe ich letzteres heute gemeistert, man darf nämlich nicht denken, dass die Fahrer hier über Ortskenntnis verfügen, zumindest stellen sie sich blöd. Wenn man dann nicht genau weiß wo man hinwill, fahren sie frech den längeren Weg und das Taxometer läuft und läuft. Hinzu kommt, dass sie –traurig- meistens gar nicht richtig lesen können, somit bringt es auch nichts, die Adresse dabei zu haben.
Whatever, ich habe beschlossen, mir da jetzt nen Sport drauss zu machen und morgen todesmutig mit der Rikscha zu Kanzlei zu fahren und zwar für maximal 60 Rupien, mal sehen ob ich des schaffe. Tja, Internet geht zur Zeit nicht und das Handy hat auch kein Netz; warmes Wasser gab es heut auch nicht. Aber das Licht geht. Welcome to India…
Anmerkung: Habs geschafft!

Sonntag, 3. August 2008

Wo soll ich anfangen?

Die beiden ersten Tage sind nun fast vorbei. Letzte Nacht habe ich so fest geschlafen, dass ich morgens gar nicht mehr wusste, wo ich war. Und es sind soviele Eindrücke, dass ich Schwierigkeiten habe, sie in einer geordneten Reihenfolge zu formulieren, weil hier einfach ein so großes Durcheinander herrscht, zumindest empfinde ich das so. Die Straßen sind laut, alles hupt in einem schier nicht enden wollenden Hupkonzert bis spät in die Nacht hinein.
Und sie sind voll, voller Menschen, die am Straßenrand laufen (kein Scherz, das hat sich als der sicherste Ort für Fußgänger herausgestellt) und solchen, die nach Koriander riechendes Essen zubereiten und an Ort und Stelle verkaufen, Früchte verkaufen; Menschen, die einfach auf dem Gehweg liegen und dort schlafen, Bettler.
Zu diesem Bild gesellt sich ein Potpourri aus diversen Fahrzeugen: Radlfahrer, Rikschas, Mopeds, Autos, Busse, Lkws und alles was noch so dazwischen passt. Sämtlichst bis aufs äußerste beladen.
Und nicht zu vergessen: die Kühe! Entweder chillen sie gerade mitten auf der Straße oder stehen am Straßenrand und wühlen im dort liegenden Müll herum.
Meine Gefühle sind gemischt, ich habe Schwierigkeiten mit der Orientierung, weil alles so gleich aussieht und es nicht so viele Straßenschilder gibt. Ich habe noch keine so richtig adäquate Unterkunft finden können, die auch noch in der Nähe des Büros ist. Beides keine unlösbaren Probleme, die ich in den nächsten Tagen angehen werde. Morgen ist mein erster Tag im Büro, vielleicht ist ersteres dann bereits Vergangenheit. Ungewohnt ist zudem das permanent erforderliche Feilschen um den Preis für Dienstleistungen (…).
Das Goethe-Institut ist indes eine kleine Insel, oben auf der Terrasse befindet sich ein nettes Cafe´., von dem aus man abends auf die Straßen herunterblicken kann. Ich habe zwei nette Leute aus Deutschland kennengelernt, Steffi und Friedemann. Zu dritt haben wir heute das Abenteuer Busfahren geprobt und waren auf der großen Einkaufsmeile mit schätzungsweise einer Millionen kleiner Geschäfte und Stände. Wir waren die Attraktion: weiß und dann auch noch blond. Wir haben uns die Füße platt gelaufen und hatten sehr viel Spaß.
Das Essen, das ist sooo lecker.
Mir fallen die Augen zu und draußen rauscht der Regen runter-es ist Regenzeit-.
Schluss für heute.